Apr 072015
 

here for English version and updated author’s comments

Übersetzung von Karl-Artur Haag

Vor ein paar Jahren schon setzten vereinzelt die Bestrebungen ein, Tango zu
beschneiden. Zum ersten Mal wurde ich 2009 bei Tänzern aus New York darauf
aufmerksam, zu Besuch in Boston, aber bald schon sah ich es in Buenos Aires,
dann fühlte ich diese schleichende Vergiftung in Wellington und Sydney, und
jetzt werde ich regelmäßig damit sogar hier im radikalem Berlin
konfrontiert.

Diese „Zurechtstutzung“ macht sich in der Form eines extrem vereinfachten
Tanzes bemerkbar, bei dem der Schwerpunkt nicht mehr auf interessanten
Improvisationen liegt, sondern angeblich auf Musikalität. Im Besonderen auf
rhythmischer Musikalität. Dazu gibt es recht engstirnige Behauptungen, die
sich auf irgendwelche anderen Werte und Prioritäten beziehen, die beim
Tangotanzen angestrebt würden. Dazu gehört eine extrem limitierte Teilmenge
der Tangomusik, wobei kontemporäre Orchester oder Kompositionen, die jünger
als aus den 50er-Jahren sind, und Welt-Musik außen vor bleiben. In Berlin
bekommt man den Eindruck, dass die Ordnung auf der Tanzfläche wichtiger ist,
als das, was jeder einzelne darauf macht. Es wird als „sozialer Tango“
bezeichnet.

Das ist das Formale. Aber ich glaube, der tiefere Grund dieser Limitierung
ist Sexismus.

Vor einer Woche habe ich Andreas befragt. Ich tanze gerne mit ihm, denn er
ist einer der wenigen Tänzer, bei denen man so etwas wie eine expressive
Freiheit erleben kann. Er hat für mich in Bezug auf Tango den Begriff
„viktorianisch“ geprägt.

„Ich tanze seit etwa acht Jahren. Hier in Berlin gab es schon immer viel
Kreativität beim Tanzen. Jetzt gibt es eine Tendenz, die Bandbreite der
Bewegungen zu limitieren, trotz aller Raffinesse, die sich über die
vergangenen hundert Jahre aus kontemporärem und modernem Tanz (M. Graham, M.
Cunnigham, P. Bausch….) und Tango Nuevo ergeben hat, wobei der Körper
geöffnet wird, neue Bewegungen in allen Richtungen erkundet werden, wobei
aus anderen Disziplinen gelernt wird. Und das Eigenartige dabei ist, es sind
vor Allem die jungen Leute! Die Einstellung zum Tango in der „klassischen
Szene“ erinnert mich manchmal an eine neue Art Neo-Viktorianismus. Es wird
jetzt angestrebt, die Beine nicht zu weit zu öffnen. Es sollen kleine,
elegante und kontrollierte Bewegungen gemacht werden. Sie wollen sich nicht
zu viel bewegen, keine zu großen, zu expressive Bewegungen. Eine Konsequenz
daraus ist, dass nicht mehr zu Piazzolla oder zur Musik jeglicher Tango
Nuevo Mawestros getanzt wird, oder gar zu Neotango-Musik. Dino Saluzzi? Gib
ihm einen Konzertsaal, aber tanz nicht zu seiner Musik. Tanz nicht zu wild,
benimm dich zivilisiert, sei elegant. Wie kann jemand in dem jungen Alter
seinem Körper die Freiheit der Bewegung verbieten? Wie ist das möglich, nach
der sexuellen Revolution? Und das hier, in Berlin!“

Dieser Trend ist an verschiedenen Orten unter diversen Bezeichnungen
bekannt. In Neuseeland nennt man es den „Milonguero-Stil“, in Australien ist
es der „Salon-Stil“ und in Berlin kennt man es als „sozialen Tango“ oder
Marathon-Stil“. Letzterer benannt nach den preislich günstigen Wochenenden,
bei denen sich europäische Tänzer für zweieinhalb Tage zum ununterbrochenem
Tanzen zusammenfinden.

Ich habe mich auf die Suche nach den Ursprüngen dieses langweiligen,
befremdlichen und eher negativen Phänomens gemacht.
Carolyn Merritts Buch, Tango Nuevo (mit welchem ich mich hier ausgiebig
beschäftigt habe), bietet uns drei Einsichten in diese Zurechtstutzung des
Bewegungsrepertoires. Das ist zum Ersten der Einfluss von Susannah Millers
lukrativer Erfindung des „Milonguero-Stils“ 1995 und ihre verkaufsfördernden
Ansprüche in Bezug auf seine angebliche „Authentizität“, die einen Mythos
geschaffen haben. Dann sind dort die Bestrebungen der jungen Argentinier in
den Jahren hin zu 2010, Tango als ihr väterliches Erbe zu schützen. (Das war
für sie aus diversen Gründen notwendig geworden:
Die Milongas in Buenos Aires wurden von ausländischen Touristen überrannt,
von denen viele erschreckend meisterlich tanzten; Ausländer gewannen zu
viele Spitzenplätze bei der Campeonato Mundial/Weltmeisterschaft; und
aufstrebende Profis mussten zugleich mit den Definitionen fertig werden und
ihnen widerstehen, die von den ausländischen Wächtern der globalen Industrie
des argentinischen Tangos gehandhabt wurden. Dieser Protektionismus kam in
der Form daher, dass der Schwerpunkt von leistungsorientierter Virtuosität
fortgenommen wurde, zu Gunsten leichter zugänglichen Tanzpraktiken, die
sozialer und anspruchsloser sind, um junge Argentinier anzusprechen und zu
unterstützen. Auch wurden damit die Touristen von manchen Milongas
ferngehalten. Merritts dritter Beitrag ist explosiver Art, obwohl sie sich
aus einer energischen und weitergehenden tieferen Analyse seiner Folgen
heraushält. Sie berichtet, dass Gustavo Naveiras Cochabamba
Investigations-Gruppe in der Mitte der 90er-Jahre (woraus sich die zweite
Welle des Begriffes „Tango Nuevo“ verbreitet) ganz bedeutend die Rolle der
Frau in diesem Tanz verstärkte.

Mir wird gewöhnlich vorgeworfen, ich tanze Tango Nuevo. Kurz gesagt, die
Schwierigkeit mit diesem Begriff beruht darauf, dass Naveiras
90er-Jahre-Version lediglich eine umfassende Systematisierung der Bewegungen
war, die es schon seit den 40er-Jahren gab, als Petróleo den Begriff „Tango
Nuevo“ dazu nutzte, seine „Erfindungen“ bekannt zu machen. Gleichwohl nahmen
Menschen weltweit für sich in Anspruch, “Nuevo” auf Anhieb als die
kontemporäre Verdorbenheit identifizieren zu können, die die Autorität des
Goldenen Zeitalters missachtet.

Ich glaube, was die darin sehen, betrifft nicht das Vokabular der
Bewegungen, sondern die Beweglichkeit und Flexibilität der Frau, und ihrer
Möglichkeiten beim Tanzen. Etwa eine Dekade nachdem Naveira die
Tanzsequenzen in einzelne Bewegungsabschnitte unterteilte, mit dem Effekt,
dass sich die Improvisationsmöglichkeiten des führenden Tanzpartners
schneller entwickeln können, schufen Dana Frigoli und andere Methoden, ein
flüssigeres und kraftvolleres, und erkennbareres Folgen zu ermöglichen.
Eine weitere Dekade später kommt dann diese Beschneidung. Frìgolis
maßgebende Technik wird nicht in den Milongas umgesetzt, auch wenn sie in
professionellen Schautänzen allgegenwärtig ist. Der Tanz der Milongueras war
in zehn Jahren flüssiger und unabhängiger geworden, und ist jetzt wieder da
angelangt, wo die Tänzerinnen wie ungeübte Kleiderpuppen erscheinen. Andreas
ist mit dem Begriff „elegant“ sehr großzügig. Ich kann die Frauen an einer
Hand abzählen, die ich in Berlin gesehen habe, die ihre Füße elegant bewegen
– und einige von denen waren Berlinbesucherinnen.

Zur Kleidung

beltedgreenDie Ausstattung der neu-viktorianischen Milongueras kommt in zwei
Ausführungen, beide gleich ausufernd in sexistischer Limitierung. Die erste
ist „prüde Hausfrau“. Die zweite arschbetonender Minirock.

Ich habe nichts gegen Miniröcke, schon gar nicht, wenn kombiniert mit hohen
Absätzen, und ich habe einige Zeit damit verbracht, meine Reaktion auf
Kleidung in Frage zu stellen, die mir „zu sexy“ für Tango erscheinen.

Ein anderer Freund hatte mich darauf hingewiesen, dass in den Zeiten von
Naveiras Einfluss sich Weltklasse-Schautänzer oft androgyn kleideten. Die
Frauen trugen Hosen, und die Einstellung der Tanzpartner zueinander war
gleichberechtigend. Dieser Tage sei das Image der Frau, das durch Weltklasse
-Tänzerinnen verbreitet würde, ein sexy Frauenkörper, der in orgastischer
Verzückung ihrem Meister folgt. (Wobei immer wieder festgestellt werden
muss, dass sich von denen viele, ungeachtet des „industry ‚style‘“, nicht
den offensiven Neuerungen des Tango Nuevo verweigern)

Die Miniröcke sind bei Rückwärtsschritten ein anregender Anblick, was so
ziemlich das Einzige ist, was man bei einer Frau hervorheben kann, die einen
trägt. Sie hat keine Chance einen großen Seitschritt zu machen, oder einen
Voleo oder Gancho. Die Frauen, die Miniröcke tragen, scheinen nicht mit
solcherlei Wissen belastet worden zu sein, deshalb wird es ihnen niemals in
den Sinn kommen, dass diese Art Garderobe denkbar ungeeignet für ein
Tango-Repertoire sein könnte.

Es ist nicht prüde, vorzuschlagen, dass Kleidung hinsichtlich des
grundlegenden Vokabulars der Tangobewegungen ausgesucht werden sollte. Sonst
könnte es zu einer Serie von Panty-Shots führen, wenn letztendlich der Rock
als Gürtel auf der Taille sitzt, oder es muss zwangsläufig laufend zu
willkürlichen Einschränkungen kommen. Die Führenden werden mit Befremden
bemerken, wenn deine Beinbewegungen durch deinen Rock eingeschränkt sind. Es
ist eine physische Erschütterung der hochgeschätzten Verbindung.

minisequin7

Ein Rätsel … und eine Annahme

Als die Rolle der Frau virtuoser wurde, wurde es für die Männer wichtig,
sich eine kompetente Partnerin zu sichern. Die Auswahl an Tanzpartnerinnen
war beschränkt, es konnte zu Engpässen kommen, und so mussten sie sich um
die Beziehungen zu den Frauen bemühen, die auf der gleichen artistischen
Stufe standen, wie sie selbst. Vielleicht war es einfach besser, einen Tanz
zu tanzen, der weniger vom Können der Frau abhing?

Die neu-viktorianischen Frauen sind nach den Standards, die noch vor fünf
Jahren galten, keine guten Tänzerinnen (und scheinen oft regelrechte
Anfängerinnen zu sein), aber den Männern scheint das nichts auszumachen. Es
scheint, dass Miniröcke eine größere Attraktivität besitzen als tänzerisches
Können. Um mit dieser Situation klar zu kommen, halten die Männer den Tanz
extrem einfach. Die „prüden Hausfrauen“scheinen etwas bessere Tänzerinnen zu
sein als die Miniröcke, haben aber immer noch ein sehr limitiertes
Repertoire.

Ein Tanz, der für unausgebildete Frauen überarbeitet wurde, vermehrt die
Anzahl der potentiellen Tänzerinnen und stellt sicher, dass Männer gebraucht
und für ihre Bemühungen belohnt werden, auch wenn die Leistung sehr
anspruchslos ist.

Die neu-viktorianischen Männer betonen gern, dass sie kein großes Vokabular
brauchen, denn es geht ja lediglich um die Musik und die Verbindung mit der
Tanzpartnerin. Die Tänzer, die weiterhin ihr gesamtes Tango-Repertoire
einsetzen, werden beschuldigt, dass ihnen die Verbindung und die Emotionen
im Tanz egal seien. „Die Musik bestimmt alles,“ sagen die Neu-Viktorianer,
eine von mehreren Gemeinplätzen, mit denen diese Neu-Viktorianer einfachsten
Tanz glorifizieren.

Ein weiterer Gemeinplatz, der dieser Tage endlos wiederholt wird, um den
Neu-Viktorianismus zu rechtfertigen: „Das Wichtigste ist die Verbindung.“
„Es ist sehr wichtig, vorsichtig zu sein und den Tanzfluss zu respektieren.“
Diese Grundsätze sind aber tatsächlich maßgebend für alle Tangotänzer, und
deren Fehlen ist immer ein Mangel des persönlichen tänzerischen Niveaus.
Darüber hinaus macht es keiner dieser Grundsätze notwendig, Bewegungen zu
verbannen. Der einzige Grund, der ein limitiertes tänzerisches Vokabular
rechtfertigt, ist eine Folgende, die nur mit sehr wenig zurechtkommt. Warum
aber sollte eine Tänzerin, wenn sie keine absolute Anfängerin ist,
weitertanzen wollen, ohne etwas dazu zu lernen? Und warum sollte ein
ambitionierter Führender mit solch einer Frau tanzen wollen? Das sind die
tiefgründigen und beunruhigenden Fragen, die sich jeder der Neu-Viktorianer
stellen sollte.

Die Neu-Viktorianerinnen wollen Sinnlichkeit und die Aura des Mannes
erleben, ohne zu eigener Weisheit zu gelangen und die geteilte Verantwortung
für ihr Tun anzunehmen. Die Neu-Viktorianer wollen Sexualität ohne
Beziehung, und eine größtmögliche unanfechtbare Meisterhaftigkeit ohne viel
Anstrengung, oder gar feste Trainingspartnerin.

Energie?

In der Woche zwischen Weihnachten 2014 und Neujahr 2015 war Berlin mit
unzähligen Tango-Touristen gesegnet. Ich habe mir meine konservativen Schuhe
angezogen und bin jede Nacht zum Tanzen ausgegangen. Zwei Mal sagten mir
Tanzpartner, die ich vorher nicht kannte: „Wow, du hast ja echt viel
Energie.“ Beim Ersten dachte ich noch, der Typ sagt mir auf eine nette Art,
dass ich etwas falsch machen würde. Beim Zweiten fragte ich nach, ob das ein
Kompliment oder eine Kritik sei. Er versicherte mir, dass es ein Kompliment
sei, konnte mir aber nicht erklären, was es bedeuten sollte.

Ich tanze wirklich gerne in enger Umarmung. Ich mag rhythmischen Tanz. Ich
habe traditionelle Musik zu schätzen gelernt. Was mich bei den Milongas der
Neu-Viktorianer stört, dass sie allen Kontrast beseitigt haben. Tango-Musik
and Tanz wird durch die Veränderung des Tempos interessant, des Maßstabs,
der Form, und der Emotionen. Ein guter Tanz braucht einige dieser Kontraste,
von schnell zu langsam, von enger zu loser Umarmung, von großen zu kleinen
Schritten, von zackigen Bewegungen zu kleinen, wirbligen, von dramatisch bis
verspielt, von süß bis ernst. Neu-Viktorianische-Musik bleibt in einem
begrenzten Rahmen (ich war bei Veranstaltungen, wo nichts von Pugliese
gespielt wurde), die Schrittgrößer ändert sich nicht, die Umarmung bleibt
gleich, und die Emotionen sind immer dieselben.

Am ersten Januar hörte ich zufällig, wie zwei Männer sich unterhielten,
beide um die 30: “Wie war’s bei der Neujahr-Milonga letzte Nacht?” „Na ja,
der DJ spielt gern energiegeladene Musik. Für mich war das etwas zu viel.“
(Ich muss wohl dazu sagen, es war dort nur traditionelle Musik gespielt
worden. Ich war dabei, und es wurde keine einzige Tanda mit Nuevo oder
alternativem Tango gespielt.)

Zu viel Energie? Für einen jungen, agilen Mann? In Berlin? Bei einer Party?
Vielleicht zu viel Energie, um so zu tanzen, dass ein Minirock nicht
verrutscht und immer gut aussieht.

real miniskirt

 

 

 

 7 April 2015